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Pure Form

Äußerst selten und kostbar, ästhetisch wie handwerklich von höchster Raffinesse sind die chinesischen Möbel der klassischen Epoche vom 16. bis 18. Jahrhundert. Ihr Stil und Formenvokabular könnten aus der Ära des Bauhauses stammen und nehmen die Maximen der westlichen Moderne um Jahr­hunderte vorweg: "form follows function" und "less is more".
Dies ist Anknüpfungspunkt für Die Neue Sammlung, klassische chinesische Möbel aus italieni­schem Privatbesitz in der Pinakothek der Moderne zu zeigen.

In der späten Ming- und der frühen Qing-Zeit (16. bis 18. Jahrhundert) erlebte das chinesische Schreinerhandwerk seinen Höhepunkt. Dieser resultierte einerseits aus der song-zeitlichen (11. bis 13. Jahrhundert) Tradition der Holzverarbeitung, andererseits aus der Verfügbarkeit importierter südasiatischer Tropenhölzer, wie etwa des sogen. Rosenholzes (huanghuali). Da diese Harthölzer ein äußerst kompaktes Korn haben, können sie durch sehr komplexe und präzise gearbeitete Verbindungen zusammengefügt werden. Metallnägel fanden dabei keine Verwendung, und der Leim war stets nur ein zusätzliches Hilfsmittel, um die Verbindungen zu festigen. Weitere Faktoren, die das Möbelhandwerk beflügelten, waren der wirtschaftliche Aufschwung und die soziale Mobilität in den urbanen Zentren, in denen Hartholzmöbel als wichtige Statussymbole angesehen wurden.

Gemeinsam ist allen Stücken in der Ausstellung der weitgehende Verzicht auf Schnitz- oder Lackdekor. Ihre Raffinesse entsteht aus ihren Proportionen und der Ausdruckskraft des verwendeten Materials. Noble Sparsamkeit der Gestaltungsmittel, Besinnung auf das Wesentliche, formvollendete Funktio­nalität und die Eleganz des Schlichten fügen sich zum Eindruck ungezwungener Harmonie und täuschender Natürlichkeit – bis heute immer wieder Inspirationsquelle europäischer Gestalter. Den chinesischen Möbeln der Sammlung Vok stellt Die Neue Sammlung einige ausgewählte Beispiele modernen internationalen Möbeldesigns aus eigenen Museumsbeständen gegenüber, die sich auf solche Vorbilder beziehen und gleichermaßen vom Minimalismus geprägt sind.
Die Ausstellung entstand in enger Kooperation mit dem Sammler: In Konzentration auf die pure Form und ganz bewußt aus heutiger europäischer Perspektive trug der Architekt Dr. Ignazio Vok in den letzten Jahrzehnten eine Auswahl zusammen, die an Stringenz, Qualität und Umfang wohl international ihresgleichen sucht.

Die Neue Sammlung – das Staatliche Museum für angewandte Kunst / Design in der Pinakothek der Moderne – dankt Dr. Ignazio Vok für die großzügige Unterstützung und intensive Zusammenarbeit.

Der reich illustrierte Austellungskatalog kann im Museum zum Preis von 75 Euro erworben werden.

München | 29.10.2005 - 15.01.2006